FC St. Pauli - FC Bayern München

06.02.02

Der Tag an dem die Bayern den Kiez kennen lernten...
FC St. Pauli vs. Bayern München 2:1


(Maik) Es ist zwar irgendwie nichts Besonderes, wenn man über ein scheinbar stinknormales Heimspiel seines Vereins schreibt, aber das hier beschriebene Spiel hatte etwas Besonderes, für uns etwas Unvergessliches.

Ich darf mich zu den etwa 800 St. Pauli-Fans zählen, die damals 1991 den legendären Sieg des FC St. Pauli bei Bayern München miterlebt hatten. St. Pauli war damals in der ersten Hälfte in Führung gegangen und hatte den Sieg nachher über die Zeit gerettet. Die Vorzeichen vor dem jetzigen Aufeinandertreffen am Millerntor waren noch schlechter als damals, St. Pauli Letzter, die Bayern mit drei Titeln geschmückt, alleine der Etat des Deutschen Rekordmeisters etwa achtmal so groß wie der des kleinen FC St. Pauli und Stefan Effenberg verdient pro Jahr mehr als alle St.Pauli Spieler zusammen. Die Geschichte ist immer die Gleiche – Groß gegen Klein, Arm gegen Reich, Millieunäre gegen Millonäre, eben St. Pauli gegen Bayern.

Aber wenn die Bayern nach St. Pauli müssen, dann ist das schon fast wie eine Majestätsbeleidigung. Der Anmarsch direkt durch den Eingang der Vereinskneipe bleibt den Bayern mittlerweile erspart, niemand hat vergessen, wie vor vielen Jahren Matthäus und Hoeneß die falsche Tür erwischten und plötzlich mitten im Clubheim zwischen den St.Pauli-Fans standen und anschließend duschen mussten. Raimund Aumann musste damals erstmal den Strafraum von etlichen Zentnern Obst und Gemüse befreien und Uli Hoeneß wird jedes Mal mit Pfennigen (jetzt natürlich mit Cent-Stücken) bombardiert. Auch Mehmet Scholl kann sich bestimmt noch an das Bombardement aus Mini-Zahnpastatuben (waren bei den Zuschauern als Probepackungen verteilt worden) erinnern, die bei einem Eckball auf ihn niederprasselten. Die Umkleidekabine für den Rekordmeister ist nur ein Drittel so groß wie die im Olympiastadion, es gibt nur sieben Duschen und auf dem Weg zum Spielfeld müssen die Gegner die Köpfe einziehen, sonst stoßen sie sich an den Heizungsrohren. Direkt über ihnen tobt der Bär – die Vereinskneipe. Der Platz ist bekanntlich ein Acker, der Rasen ist zwar außerordentlich gut, aber das Spielfeld eher wellig und hat von einer Seite zur anderen eine Bodenwelle von etwa 80 cm!!! Wenn man am Spielfeldrand sitzt und ein Spieler auf der anderen Seite an der Außenlinie steht, so sieht man ihn erst ab den Knien.

Hier also mussten die Bayern nun doch wieder ran. Vor dem Spiel hatten wir uns mit befreundeten Münchnern getroffen und waren mehr oder weniger schon zu deren Siegesfeier nach dem Spiel eingeladen worden. Zwei Freunde aus Darmstadt waren auch mit dabei und voller Hoffnung (irgendwann muss es ja mal klappen), latschten wir ins Stadion.

Schnell noch ein paar Bierchen holen und auf gar keinen Fall das Intro verpassen. Hells Bells beim Einmarsch, wir kennen es ja schon eine Weile aber immer wieder geil, geil, geil. Gute bis fantastische Stimmung im Stadion und eine St.Pauli Mannschaft, die gar nicht wieder zu erkennen war. Powerfußball ohne Ende und eine Chance nach der anderen. Als das 1:0 fiel (das erste Tor gegen Bayern München am Millerntor überhaupt) stand ich gerade oben an der Treppe und wurde danach von mindestens drei männlichen Zuschauern, die ich nicht kannte, vor Freude umarmt und abgeknutscht (Bäh). Vorher hatte Meggle schon die Latte getroffen und nun saß die Pille endlich. Drei Minuten später legte Patschinski das 2:0 nach und das Stadion explodierte. Da denkt man, man sitzt gesittet auf der Tribüne und dann liegt dort alles übereinander. Ich hatte echt gedacht, die Rentner vor uns stürmen vor Begeisterung das Spielfeld, das gesamte Stadion pogte völlig ab (mit Ausnahme der Bayern-Fans). Zur Halbzeit herrschte eine nie dagewese Euphorie und einige waren zu recht sauer, denn es hätte mindestens 4:0 oder 5:0 stehen müssen. Ich glaube, St.Pauli Torwart Henzler musste in der ersten Hälfte nicht einen Ball halten.

Ungläubiges Kopfschütteln und die üblichen Pessimisten, die meinten, Bayern würde das noch umbiegen. Die zweite Hälfte wurde dann offen gestaltet, die ein oder andere Chance auf beiden Seiten. Kurz vor dem Ende noch das 1:2, aber für die Bayern reichte es nicht mehr. Der totale Wahnsinn nach dem Schlusspfiff, alles hüpfte wie bescheuert auf den Bänken herum und lag sich in den Armen. Irre, für meine Freundin war es das erste Spiel gegen Bayern und dann gleich Geschichte erlebt. Mit dem Strahlen auf den Gesichtern der 19.000 St. Pauli-Fans hätte man eine Großstadt problemlos erhellen können. Unsere Münchner Freunde waren zurecht sauer auf ihre Mannschaft, denn mit dem 1:2 waren die Bayern verdammt gut bedient, es hätte durchaus eine echte Klatsche werden können. Die Nacht verbrachten wir dann logischerweise im Freudentaumel und Alkoholrausch, eine Nacht die wir so schnell nicht vergessen werden. Die St.Pauli Marketing reagierte schnell und eine Woche später erschienen die T-Shirts mit der Aufschrift: WELTPOKALSIEGERBESIEGER. Die Dinger waren nach zwei Stunden ausverkauft und es sollen noch mehr als 1.000 Stück nachproduziert werden.

Das wir absteigen werden, ist fast in Stein gemeißelt, aber wenn die Jungs in den letzten sieben Heimspielen auch nur annähernd an die Leistung aus dem Bayern-Spiel anknüpfen können, dann besteht noch ein winziger Funken Hoffnung. Sollten aber alle Spiele verloren gehen und nur noch das Derby gegen den Vorortverein aus Stellingen gewonnen werden, dann gehen wir lachend in die zweite Liga.