Brasilien: RC Flamengo vs. Fluminense FC

Es gibt so einige Stadien auf diesem Planeten, die man sich als Fußball-Fan unbedingt antun sollte. DAS Stadion überhaupt ist wohl unbestritten das Maracana Stadion in Rio de Janeiro. 1950 sahen über 220.000 Zuschauer das WM Spiel der Brasilianer gegen Uruguay und seit dem ist das Maracana immer noch das größte Fußballstadion der Welt, auch wenn momentan nur noch ca. 170.000 Zuschauer hineinpassen, da die Versitzplatzung auch in Brasilien ihren Lauf nimmt.
Da Urlaub sowieso dringend nötig war, beschlossen also zwei Leute der North-Side St. Pauli spontan und ursprünglich mal aus einer Bierlaune heraus, die letzten Gelder zusammenzukratzen, den Spielplan für Brasilien zu begutachten und die Freundin/Frau mit der Nachricht zu beglücken:“Mausi, ich fliege für zehn Tage nach Rio. Nächste Woche geht es los.“
Ziel unserer Fußballeidenschaft sollte DER Rio-Klassiker im Maracanastation sein. Das Spiel FLA vs. FLU (Flamengo gegen Fluminense) war für Sonntag den 05.11. um 17:00 Uhr angesetzt worden und als wir am Samstag gegen 11:00 Uhr unser Hotel an der Copacabana erreichten (nach insgesamt 16 Stunden Flug und Transfer), buchten wir das Spiel vorsichtshalber direkt beim Reiseveranstalter. Der Trip beinhaltete Bustransfer und Eintrittskarte sowie den „Fußballfremdenführer“, der, wie sich später herausstellte, zwar vier Sprachen beherrschte, aber mit Organisation und Planung leicht überfordert war.
Gegen 14:00 Uhr wurden wir am Sonntag beim Hotel abgeholt und der Bus klapperte weitere Hotels mit fußballbegeisterten Teilnehmern ab. So setzte sich die Busbesatzung aus folgenden Ländern zusammen: Deutschland, Brasilien, Norwegen, Schweden, England, Irland, Israel, USA, Spanien, Holland, Portugal und Mexico. Was für ein Gemisch. Die beiden weiteren Deutschen aus Berlin waren nicht sonderlich gesprächig und so hielten wir uns an die Norweger.
Vor dem Ground waren fast nur die Fans von FLA zu erspähen, schwarz-rot regierte die Szenerie, nur vereinzelt blitzte ein Fluminensetrikot (grün weiß und rot/lila) auf. Die Anhänger von FLA werden übrigens die rot-schwarze Nation genannt, da es in Brasilien landesweit 35 Millionen Fans dieses Vereins gibt. Im Stadion saßen wir im Unterrang direkt unter den Fans von FLU und waren uns noch nicht ganz sicher, wem unsere Sympathien gehören sollten, die Entscheidung fiel uns dann aber nicht schwer. Das Intro der FLUS war dermaßen eindrucksvoll (Rauchbomben, Blockfahnen und eine enthusiastisch abhüpfende Menge), daß sich das gemeinsame Hüpfen und Fahnenschwenken der FLAS geradezu mager ausnahm. Also für FLU und die stellten auch das bessere Team, da in der Tabelle weit oben postiert während FLA nicht weit von den Abstiegsplätzen herumdümpelte. Während der 1. Hälfte wechselte ich für kurze Zeit in den FLA-Block, um dort einmal die Stimmung zu erleben. Ist schon geil wenn alles am Hüpfen ist und mit weißen Tüchern wedelt. Bei jeder auch noch so kleinen Möglichkeit sprangen alle hoch um sich dann die Haare zu raufen.
Beide Fangruppierungen scheinen den Haß aufeinander auf ein Minimum zu beschränken, denn in den eigentlichen Fan-Blöcken saßen auch reichlich Fans des Gegners, ohne irgendwelche negativen Folgen. Die erste Spielhälfte endete enttäuschend 0:0 und Chancen waren bis dahin eher Mangelware geblieben. In der zweiten Halbzeit erlebten die knapp 100.000 Zuschauer dann endlich Tore und um uns herum flippte alles völlig aus, als FLU in Führung ging. Spottgesänge in Richtung der gegnerischen Fans und einige Böller (wir dachten zuerst, die werfen mit Handgranaten, so laut sind die Teile) aus dem Oberrang in die darunter stehenden FLAS, die daraufhin nach oben drohten, um dann gleich wieder in Deckung zu gehen. Eine Viertelstunde vor Schluß schaffte FLA dann doch noch den Ausgleich und die Fankurve zeigte insgesamt drei große Blockfahnen und hüpfte wieder wie wild herum.
Am Ende jubelten jedoch ausschließlich die FLUS, schließlich hatten sie nicht verloren und lagen in der Tabelle immer noch weit vor dem Lokalrivalen. Die Frage nach der Nr. 1 in Rio war damit vorläufig geklärt, zumal per Anzeigentafel über die Niederlage von Vasco informiert wurde, die nach ihrem Siegeszug der vergangenen Wochen erneut eine Niederlage kassiert hatten und somit hinter FLU zurückfielen. Nach dem Spiel gab es noch kurze Rennereien und einige blutende Gestalten vor dem Ground, ansonsten hatte die stark präsente Polizei alles im Griff und die Befürchtungen eines Massakers (zwei Wochen vorher hatte es beim Haßduell zwischen Flamengo und Vasco da Gama einen Toten gegeben) bestätigten sich nicht.
Grundsätzlich zum Fussi dort: Der Fußball in Brasilien hat sehr viel von seiner Ursprünglichkeit verloren. Seit Europa sämtliche Brasilianer, die den Ball mehr als viermal hochhalten können, aufkauft, sind auch die Gehälter in Brasilien selber gestiegen, ansonsten wären die guten Spieler wohl nicht zu halten und würden in den zweiten europäischen Ligen kicken.. Die Mannschaften sind mittlerweile wesentlich teurer als noch vor einigen Jahren und dementsprechend gestalten sich auch die Eintrittspreise. Nicht jeder Brasilianer kann sich den Besuch der Spiele leisten und es ist keine Seltenheit, daß sich im riesigen Rund des Maracanastadions nur 20.000 bis 30.000 Fans verlieren (Wenn es kein Lokalderby ist). Wo vor einigen Jahren bereits Stunden vor dem Anpfiff enthusiastische Fans Gesangsduelle austrugen, füllen sich die Ränge heute erst kurz vor dem Spiel. Auch spielerisch war das Duell keineswegs eine Offenbarung. Flamengo versuchte es nach dem europäischen Muster mit langen Bällen, Fluminense mit dem gefürchteten Kurzpaßspiel. Viel rausgekommen ist bei beiden nicht, auch wenn man den Eindruck hat, die Spieler sind technisch immer noch den Deutschen um einige Meilen voraus. Ballzauber blieb fast völlig auf der Strecke und da nicht ein einziger Nationalspieler Brasiliens dort spielt, sind einem die Namen kaum geläufig. Wenn man bedenkt das bei Flamengo so klangvolle Namen wie Zico, Junior, Leandro und auch schon mal Romario und Edmundo gespielt haben und auch Fluminense mit Rivelino, Brito, Carlos Alberto, Edinho, Gerson und Renato schon Prominenz in den Reihen hatte, nehmen sich die heutigen Stars recht mager dagegen aus.
Ein echtes Hindernis für die langfristige Planung eine Fußballerlebnisses in Brasilien sind die überraschenden Terminverschiebungen in der brasilianischen Liga. Nach welchem Prinzip dort die Spiele angesetzt werden haben wir nicht begriffen, mußten jedoch einen Tag nach dem 1:1 im Maracana feststellen, das ein für Mittwoch angesetztes, und von uns fest eingeplantes, Spiel von Flamengo gegen Cruzeiro Belo Horizonte zwei Tage vorher abgesagt worden war. Grund: Beide Teams mußten im Viertelfinale des Südamerikapokals ran. Man stelle sich vor, die Bayern bekommen erst zwei Tage vorher mit, daß sie ein Spiel gegen ManU hätten. Verrückt. Für die, die es interessiert: Flamengo flog bei River Plate in Argentinien raus und Cruzeiro blieb gegen Palmeiras aus Sao Paulo auf der Strecke. Das Match wurde dann am 14.11. nachgeholt und Cruzeiro gewann 2:1. Einen Tag später gewann Brasilien gegen Kolumbien 1:0, am selben Tag fand ein Ligaspiel statt!!
Fanartikel in Brasilien zu ergattern ist kein Problem. Schon vor den Hotels wird man von Straßenhändlern belagert und an jeder Ecke werden Trikots verkauft. Allerdings nur in sehr wenigen Geschäften werden die Originale angeboten, die mit einem umgerechneten Preis vom DM 107,00 kaum günstiger sind als Trikots bei uns. Bei den Plagiaten gibt es enorme Qualitätsunterschiede, rechnet mit DM 25,-- bis DM 50,-- und vergleicht die Angebote. Kleiner Tip: Auf der Copacabana findet viermal in der Woche ein Markt statt (abends!!). Dort gibt es diverse Stände mit guten Angeboten. Schals gibt es nicht, warum auch, dort sinkt die Tempeartur selten unter 20°C.
Die Sympathien der Cariocas sind in Rio klar verteilt, die große Masse steht hinter Flamengo, es folgen Vasco da Gamma, dann Fluminense und klar abgeschlagen Botafogo. Wer Ergebnisse aus Brasilien sucht, findet die am Besten auf folgender Homepage: http://sunsite.tut.fi/rec/rikku/soccer_data/tab/games1.bra0.html wird übrigens von einem Finnen gepflegt. Wer das nötige „Kleingeld“ hat, der sollte unbedingt mal nach Rio fliegen, und sich ein Spiel im Maracana anschauen. Es lohnt sich bestimmt.
Maik (North-Side St. Pauli)
Forza St. Pauli, Forza Flu und Forza Aue.