Spielberichte
20. Spieltag, 12.12.2009

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Erzgebirgsstadion, Sonnabend 12. Dezember 2009
(Kick off 14.00 Uhr)


Aue mit toller Moral nach 0-2 Pausenstand


Ein Spiel für die Geschichtsbücher. Am Samstag-Nachmittag war so ein Moment im Erzgebirgsstadion. Zur Pause, als die Veilchen fast schon hoffnungslos mit 0-2 gegen den Tabellenzweiten Kickers Offenbach zurücklagen, gaben nur noch wenige Fans der Lila-Weißen den berühmten Pfifferling auf einen Sieg. Einmal mehr wurden auch diese von der Unberechenbarkeit dieser Sportart überrascht. „nach dem 0-2 war der Faden weg und wir haben uns nicht mehr so recht getraut. In der Kabine musste ich nicht soviel sagen, denn auch die Spieler waren unzufrieden mit sich. Ich habe ihnen versucht Mut zu zusprechen“, schilderte FCE-Coach Rico Schmitt die Momente zur Pause, als viele nicht mehr an eine Wende glaubten.

Das Spiel begann fast mit einem Dèjá-vu für Sebastian Glasner. Schon nach 11 gespielten Sekunden wurde er vom OFC-Torwart Wulnikowski angeschossen, der Ball rollte aber neben das Tor. 120 Sekunden später köpfte Glasner den Ball ins Tor, aber es jubelten die Roten aus Offenbach über ihre erste Führung im Auer Stadion im 5. Gastspiel im Lößnitztal. „Der Ball fällt mir auf den Kopf und ich konnte nicht mehr reagieren“, resümierte Glasner das unglückliche Eigentor. Aue war nur kurz geschockt und ergriff wenig später die Initiative. Einen Hochscheidt-Freistoß köpfte Hensel (5.) am Kickers Tor vorbei. Die Kickers, mit einigen Ausfällen angereist, zeigten das sie nicht umsonst so weit oben stehen. Huber bedient Laux (12.), der aber völlig freistehend nur Männel anschießt. Als Braham eine Doppel-Kopfballchance in der 14. Minute nicht verwerten kann, Wulnikowski zeigte zweimal sein Können, schlugen die Gäste wieder zu. Pfingsten-Redding geht nach Pass von Laux, wie das berühmte Messer durch die Butter, mitten durch die Auer Abwehr hindurch. Im letzten Moment kann Klingbeil ihm zwar den Ball vom Fuß spitzeln aber genau vor die Füße von Zinnow (24.), der eiskalt zum 2-0 aus OFC Sicht einschiebt. Danach versuchte Aue anzurennen, aber der OFC antwortete immer wieder mit wirkungsvollen, feinen Nadelstichen. Die Gastgeber retteten sich quasi in die Halbzeit, denn ihre Aktionen wurden immer unsicherer und hilfloser und die der Gäste immer selbstbewusster. Nur einmal glimmte bei einem Hochscheidt Freistoß die Hoffnung auf den Anschluss, doch Hensel (42.) verfehlte wieder per Kopf das Ziel.

Unvergessen - Der Moment (55.) als der Sonderzug mit Dampflok am Stadion vorbeifuhr. Foto: Burg

Trainer Schmitt wechselte nach der Pause Klotz für Ramaj ein, der auf seiner gewohnten rechten Außenbahn ein rabenschwarzen Tag erwischte. Und dem kleinen Klotz gehörte sofort die ersten Szene, die viele nicht sahen, weil sie noch nicht auf ihre Plätze im Stadion waren. Eckball für Offenbach, den Paulus mit einem weitem Befreiungsschlag Richtung Mittellinie klärt. Klotz überrascht die weit aufgerückten Gäste, lässt Teixera noch in der eigenen Hälfte stehen und überlupft den Kickers Kapitän Hysky ganz frech. Danach hat er rund 50 Meter freie Bahn Richtung Wulnikowski und schlenzt den Ball mit dem Außenrist an ihm vorbei zum 1-2, als wäre es die einfachste Sache der Welt. 48 Minuten waren da gespielt und plötzlich war im Auer Stadion nichts mehr wie es vorher war. Die Kulisse, im leicht überzuckerten Auer Stadion, war mit einem Schlag wieder da. Besonders der Moment, als ein Traditionszug mit Dampflok das Stadion kurz darauf passierte, genau wie früher und der Lokführer auch noch 3x langgezogen sein Signalhorn zieht, war für die Auer Spieler vielleicht der Knackpunkt. „Da ging plötzlich ein Ruck durch die Mannschaft“, erzählte Sebastian Glasner die Szene noch mal nach. „Ich hatte Gänsehaut“. Vielen Zuschauern wird es ähnlich ergangen sein. Obwohl der OFC noch dagegenhält, reihen sich nun Chance an Chance wie an einer Perlenkette für die Veilchen. Das Match wurde richtig spannend. Glasner (62.) Solo, holt aber einen Eckball heraus. Curri auf Braham (63.) im Strafraum, aber zwei Gegenspieler sind dann doch einer zuviel. Und wieder Braham (64.) aus der Drehung – Aue spielt sehr aggressiv nach vorne. Nach 66 Minuten werden sie für ihre Spielweise mit dem längst fälligen Ausgleich belohnt. Nach Einwurf Le Beau auf Klotz und der wieder zurück zu Le Beau, kommt dessen Flanke mit Umweg Pfingsten-Redding, der den Freistoß zum Eigentor schlug, zu Braham. Der Tunesier fackelt nicht lange und jagt den Ball von der rechten Strafraumkante per Aufsetzer ins lange Ecke von Wulnikowski. Das Stadion steht Kopf. Weil Offenbach aber immer noch an den Ketten zerrte wird es jetzt dramatisch. Pospischil Rückpass auf Ulm (67.) und Männel ist hellwach. Doch Aues Offensivspiel wird immer druckvoller. Beim Solo von Klotz (68.) in den OFC-Strafraum springen die Zuschauer von ihren Sitzen, Wulnikowski bekommt noch seine Fingerspitzen an den Ball und lenkt ihn zur Ecke.

Trainer Schmitt nach dem Spiel bei den Fans. Foto: Burg

Die 70. Minute hat es in sich. Erst liegt Braham im Strafraum der Kickers Elfmeterreif am Boden, im Gegenzug jagt Zinnow ein Zuspiel von Albayrak ans Außennetz und wiederum im Gegenzug gibt Schiedsrichter Petersen dann Elfmeter für Aue. Nach Zuspiel von Curri holt Kopilas Braham von den Beinen. Der Tunesier bekannt für seine Nervenstärke jagt den Strafstoß (71.) vehement an die Unterkante der Querlatte. Doch viel nachzudenken über die vergebene Chance gibt es nicht, die Zuschauer reifen eh nur: weiter, weiter. Braham will es wissen. Wieder von Curri angespielt, schießt er unter Bedrängnis am Kickers Tor vorbei (74.). Doch 2 Minuten später war die 3-2 Führung förmlich erzwungen. Sie lag einfach in der Luft. Curri, der immer stärker wurde, flankt auf den langen Pfosten und dort köpft Braham, hinter Hysky stehend, ein. Was für ein Spiel, unglaublich. Die Kickers leben aber immer noch. Freistoß für die Gäste aus ca. 20 Meter. Der Schlenzer von Ulm (79.) hätte gepasst zum 3-3, aber Männel kommt angeflogen und kann den Ball mit letzten Einsatz abwehren. Kos klärt dann endgültig. Aber die Veilchen waren immer noch nicht satt. Sie rannten als ginge es um ihr Leben. Curri (83.) probierts auch mal aus der Distanz – Wulnikowski lässt prallen. Klotz (83.) schnippelt am OFC Torwart vorbei aber auch am Tor. Die endgültige Entscheidung bleibt Glasner vorbehalten. Nach Ecke Curri und Kopfballablage Hensel, bugsiert er fast auf den Knien den Ball per Kopf ins OFC Tor zum 4-2 (84.). Danach probierte es auch noch Braham (88.) per Kopf nach Klotz Zuspiel. Erst der Schlusspfiff erlöst Offenbach vom 45 minütigen Trauma in Aue. Auch im 5. Spiel im Erzgebirgsstadion verlieren die Hessen gegen die Veilchen.

Pressekonferenz mit Steffen Menze, Peter Höhne und Rico Schmitt. Foto: Burg

Steffen Menze, Trainer von Offenbach: „Wir haben in der 1. Halbzeit ein sehr gutes Spiel gemacht. Mit dem frühen Tor hatten wir Spielsicherheit. In der Halbzeit hatte ich noch gewarnt, doch mit dem 1-2, was die Wende war, sind wir immer wackliger geworden“.

Rico Schmitt: „Ich denke was das neutrale und auch das Fachpublikum heute gesehen hat, war auf sehr hohen Niveau. Was die Mannschaft abgerufen hat in der 2. Halbzeit war sensationell. Mit dem frühen 1-2 brachen alle Dämme danach. Ein Riesenabschluss zum letzten Spiel zu Hause. Die Fans können auf ihre Mannschaft stolz sein“. Nach speziellen Nachfragen einer Boulevardzeitung weist Schmitt aber alle Aufstiegsträumerei weit von sich: „Wenn man soviel darüber spricht, geht’s meistens schief“. (Burg)


FC Erzgebirge Aue: Martin Männel - René Klingbeil, Tomasz Kos, Thomas Paulus, Sven Schaffrath (65. Pierre le Beau) - Alban Ramaj (46. Nico Klotz), Marc Hensel, Skerdilaid Curri (89. Marco Stark), Jan Hochscheidt - Najeh Braham, Sebastian Glasner; Trainer: Rico Schmitt

Kickers Offenbach: Robert Wulnikowski - Alexander Huber, Martin Hysky (84. Marc Heitmeier), Marko Kopilas, Nils Teixeira - Stefan Zinnow, Christian Pospischil, Nils Pfingsten-Reddig, Marius Laux - David Ulm, Suat Türker (66. Ugur Albayrak); Trainer: Steffen Menze

Tore: 0:1 Sebastian Glasner (3./Eigentor); 0:2 Stefan Zinnow (24.); 1:2 Nico Klotz (48.); 2:2 Najeh Braham (66.); 3:2 Najeh Braham (76.); 4:2 Sebastian Glasner (84.)

Schiedsrichter: Martin Petersen (Stuttgart)

Zuschauer: 7.700

Gelbe Karte: Jan Hochscheidt (52.) / Christian Pospischil (41.), Marko Kopilas (57.)

Besonderheiten: Najeh Braham schießt Foulelfmeter (71.) an die Unterkante der Latte