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Elfmeterkönig – Holger Erler

Holger Erler ist Auer Urgestein, gehörte zur BSG Wismut wie das Erz zum gleichnamigen Bergbaubetrieb. Heute feiert Holger Erler seinen 70. Geburtstag. Als junger Bursche hat „Erle" in Hohndorf bei Stollberg mit dem Fußball begonnen. Erler spielte in seiner Jugend von 1957 bis 1968 bei der BSG Lokomotive Hohndorf. Von 1968 bis 1970 schnürte er seine Stiefel innerhalb

Erster Elfmeter in der Oberliga gegen Nationalkeeper Jürgen Croy am 9. November 1974.

seiner Armeezeit für die ASG Vorwärts Marienberg. Nach dem Dienst bei der „Fahne“ kam er nach Aue. „Andreas Pekarek hat mich damals bei Trainer Gerhard Hofmann vorgestellt. Als 25. Mann im Kader bin ich in meiner ersten Saison gleich 11 Mal in der Oberliga und zweimal im Pokal eingesetzt worden"» erinnert sich Holger Erler. Seinen ersten Pflichtspieleinsatz für Wismut hatte er am 3. Spieltag der Saison 1970/71 im Heimspiel gegen Rot-Weiß Erfurt (4-0). In der 67. Minute kam er für Klaus Zink auf den Rasen. Es folgte eine Karriere die ihresgleichen sucht. Kein anderer Kicker hat die lila-weißen Farben öfter vertreten als Holger Erler mit seinen 418 Pflichtspiel-Einsätzen. Der Mann mit den unverwechselbaren O-Beinen führte bei der BSG im Mittelfeld Regie, war aber auch sehr torgefährlich. Neben seinen Freistoßkünsten, die damals in der Oberliga gefürchtet waren, war er auch ein relativ sicherer Elfmeterschütze der Mannschaft. 1970/71, als er bei Aue anfing, hießen die Elfmeterschützen bei Wismut in der Regel: Dietmar Pohl, Dieter Schüßler oder Lothar Schmiedel. In der Spielzeit 1972/73 war Pohl der Elfmeter-Spezialist Nr. 1 der Oberliga. Siebenmal kam es zum Duell mit dem gegnerischen Torwart. Sechsmal verwandelte er eiskalt. Ende April 1973, riss die Serie dann. Im Derby beim FC Karl-Marx-Stadt jagte er einen Foulstrafstoß zwei Meter neben den Kasten von Torwart Wolfgang Krahnke.

1973/74 im Heimspiel gegen den BFC Dynamo im November verschoß er dann den nächsten. In der 29. Minute hatte er bereits beim Stand von 1-0 für Aue für eine Vorentscheidung sorgen können. Er schickte BFC-Keeper Creydt in die falsche Ecke, sein Elfer landete jedoch am Pfosten. In der 2. Halbzeit konnten die Gäste ausgleichen. Endstand 1-1. In dieser Serie gab es zwischen dem Saisonende Anfang April 1974 und dem Beginn der Fußball WM in Westdeutschland Mitte Juni noch eine Toto-Sonderrunde mit allen 14 Oberligamannschaften sowie 14 Teams aus der zweitklassigen Liga. Im dritten Spiel gegen Chemie Zeitz schlug dann die Stunde von Holger Erler. Pohl setzte drei Minuten nach der Zeitzer Führung einen Elfmeter an den Pfosten. Doch fünf Minuten später konnte Aue durch Erler per Foulelfmeter ausgleichen. Nach der Pause legte er dann

Erster Elfmeter in der Toto-Sonderrunde gegen Chemie Zeitz.

gleich noch zwei weitere Tore nach, darunter einen direkt verwandelten Freistoß. Aue siegte 3-1. Eine Woche später, beim Rückspiel gegen Zeitz verschießt Dieter Schüßler einen Elfmeter. Waren es diese drei verschossenen Elfer, von Pohl und der eine von Schüßler, die den Ausschlag gaben ab der nächsten Saison 1974/75 muß ein neuer Elferschütze her – Holger wußte es nach fast 46 Jahren auch nicht mehr. Irgendwie einigte man sich, ab sofort schießt Holger die Elfmeter. Und so kam es auch.

Am 10. Spieltag 1974/75 kam es dann zur ersten echten Bewährungsprobe vom Punkt. Ausgerechnet im Westsachsenderby gegen Sachsenring Zwickau. Dort im Tor stand kein geringerer wie der National- Torwart der DDR Auswahlmannschaft – Jürgen Croy. Beim Stand von 0-1 trat der damals 24-jährige Holger Erler in der 10. Minute an den Punkt und verwandelte zum zwischenzeitlichen 1-1 Ausgleich. Über den Ausgang dieses Derby wird noch heute an den Fußballstammtischen gefachsimpelt. Aue siegte nach einem 1-3 Halbzeitrückstand mit 5-3. Croy, der im Sommer 1974 bei allen WM-Spielen der DDR im Tor stand, hatte schon 55 Länderspiel-Einsätze auf den Buckel, aber Holger schickte ihn in die andere Ecke. „Croy war damals eine „Kante“. Wenn der sich breit machte, war man froh wenn das Ding dann drin war,“ erinnerte sich Erler. Dem Zwickauer Keeper stand er dann noch einmal im November 1980 am Punkt gegenüber. Wieder hieß der Sieger Erler. Es war das Siegtor zum 2-1 zehn Minuten vor dem Ende. Im Verlaufe der Saison 1974/75 gab es dann noch drei Elfmeter für Aue, die Holger alle verwandelte. Es sollten bis zu seinem letzten Spiel im Oktober 1985 für Wismut dann noch viele Elfmetertore folgen.

Nachdem er ab Juni 1971 (Aue spielte 1-1 bei Lok Leipzig) in den folgenden 171 möglichen Auer Pflichtspielen 166-mal auf dem Platz stand, erwischte es ihm Anfang Oktober 1976 im Auswärtsspiel beim BFC Dynamo (1-1). Kurz nach der Halbzeit, Schienbeinbruch und neuneinhalb Wochen Gips. Pünktlich zum Rückrundenstart gegen Rostock im Februar´77 war er wieder. Die Elfmeter schossen logischerweise andere. Lothar Schmiedel hatte nichts verlernt und verwandelte im Dezember 1976 beim hochwichtigen 0-1 Auswärtssieg an der Alten Försterei beim 1. FC Union den Siegtreffer in der 73. Minute vom Punkt gegen Wolfgang Matthies. Den zweiten schoß er zum zwischenzeitlichen 3-0 beim umjubelten 6-0 Heimerfolg gegen Stahl Riesa Ende Februar 1977. Es war der 3. Spieltag der Rückrunde und Erler war wieder zurück auf dem Platz, wie auch im Heimspiel gegen Rostock und Auswärtsspiel bei Lok Leipzig zuvor. Doch beim Elfer ließ er „Loth“ den Vortritt, weil die Sicherheit noch nicht wieder da war. Zwischen dieses beiden Elfmeter verschoß Andreas Pekarek im Heimspiel gegen Erfurt (Dezember 1976) einen Elfmeter in der 78. Minute beim Stand von 1-1 gegen Michael Oevermann. Es blieb am Ende beim Unentschieden. „Der Andek konnte einfach keine Elfer schiessen,“ meinte er rückblickend zu seinem Kumpel Pekarek. 1977/78 war Erler vom Elfmeterpunkt wieder der Alte. Gegen Werner Friese (Lok Leipzig), Wolfgang Benkert (Erfurt), Ulrich Kühn (Gera) und Freimuth Bott (Böhlen) traf er vom berühmten Punkt und immer zu Hause im Lößnitztal. Im sechsten Anlauf, auch wieder zu Hause, erwischte es ihm im Märt 1978 gegen den HFC Chemie. Als Erler zwei Minuten vor Spielschluß von Brade gefoult wurde. Stumpf sofort auf Strafstoß entschied („Völlig korrekt!" so Günter Riedl von der HFC-Leitung), da verstieß Wismut gegen ein Prinzip, indem der gefoulte Spieler selbst die Vollstreckung übernahm. Nach kurzer Behandlung humpelte Holger Erler zum Ball – und schob ihn neben neben den linken Pfosten ins Aus. „Mein zweiter so verschossener Strafstoß" klagte der Schütze, der gar nicht schießen wollte. „Niemand von uns fand sich jedoch bereit, die Verantwortung zu übernehmen." Statt des Ausgleichs, der verdient gewesen wäre, mußte Wismut deshalb über eine Niederlage quittieren; teures Lehrgeld für das Mißachten einer Regel, die zum kleinen Fußball-Einmaleins gehört. So war das zu lesen im Spielbericht der Fuwo. Der vom Schützen (Erler) erwähnte erste Fehlschuß datierte vom November 1975 gegen den FC Vorwärts Frankfurt/Oder. Das Sportecho schrieb: Wenn Erler auch einen Strafstoß (von Strübing an Thomas verwirkt) an den Pfosten setzte (40.), so sorgte er doch mit seiner Entschlossenheit für die Entscheidung. In der 12. Minute per Kopf und in der 65. Minute mit einem straffen Schuß, erzielte er beide Treffer zum 2-1 Sieg.

In den beiden Saisons 1978/79 und 1979/80 hatte Erler gleich vier Elfer-Duelle gegen Dirk

Autogrammkarte

Heyne vom 1. FC Magdeburg zu bestehen – und er verwandelte sie alle vier! „Gegen den großgewachsenen Heyne war es auch nicht einfach“, so Erler. Im Februar 1980 standen sich beide beim Auer Heimspielsieg (3-0) gleich zweimal in der 55. und 82. Minute gegenüber. Beim 1-0 schoß Erler flach gegen den rechten Innenpfosten, von wo der Ball dann ins Netz sprang und beim 3-0 visierte er wuchtig und flach das andere Eck an.

Seine zweite Verletzung kam Mitte April 1980 beim Heimspiel gegen Jena hinzu. Schon nach 5 Minuten mußte er wegen eines Kapselriß ausgewechselt werden. Die Saison war gelaufen. Wieder mußten andere Schützen ran. Jürgen Escher verschoß gegen Zwickau am 24. Spieltag (Gerd Püschel im Tor) und Harald Mothes in Riesa am 25. Spieltag (Rainer Köpnick). Nur Wolfgang Körner traf am letzten Spieltag gegen Halle. Harald scheiterte auch mit seinem ersten Elfmeter-Versuch die Saison zuvor. Im September 1978 reiste der FCK als Letzter mit 0:10 Punkten ins Lößnitztal. Aue hatte aber auch nur einen Punkt mehr. Beim Stand von 0-2 scheiterte Mothes in der 23. Minute an Gästekeeper Wolfgang Krahnke. Die Frage warum Harald schoß kann „Erle“ heute beim besten Willen nicht beantworten. Der FCK gewann dieses Derby mit 2-4 in Aue.

1980/81 dann der ganz grosse Wurf: 7x angelaufen – 7x verwandelt. Drei Elfmeter waren in Folge an drei aufeinanderfolgenden Spieltagen im März 1981. Gegen Freimuth Bott (Böhlen) sogar an seinem 31. Geburtstag. Die Elfmeter Statistik von Holger Erler lautete am Ende jener Saison: Von 29 Versuchen waren satte 26 drin!

Dann kam 1981 mit Hans-Ulrich Thomale ein neuer Trainer nach Aue. Das Blatt wendete sich langsam. Vielleicht war der Fehlschuß im Saisonauftakt 1981/82 gegen Oberliga Neuling Buna Schkopau übers Tor beim Stand von 2-2 (69.) der Anfang vom Ende. Zwar gewannen die Veilchen in der Schlußphase das Spiel mit 4-2, doch Thomale legte zwei Schützen für die Saison fest. Auf die Konstellation angesprochen antwortet er: „Vom Prinzip her habe ich mich bei Übernahme einer neuen Mannschaft auf vorhandene Erfahrungen der Mannschaft gestützt. Nachdem „Erle“ im 1.Spiel gepatzt hatte und ich eigene Beobachtungen in Training und Spiel gemacht habe, konnte ich natürlich sehen wer für mich weitere Kandidaten für Elfmeter sein könnten. Grundsätzlich habe ich in meinen Mannschaften immer zwei Schützen benannt (Schütze 1 + Schütze 2). Hatten wir einen Elfer, so wurde er vom Schützen 1 geschossen. Es sei denn er hat sich nicht sicher gefühlt oder es kam eine Order vom Trainer. Grundsätzlich war Erle nicht nur ein wichtiger Spieler meiner Mannschaft sondern kam natürlich auch für Freistöße und Elfmeter infrage.“ Die nächsten beiden Elfmeter schoß und verwandelte Volker Schmidt im Oktober gegen Halle und bei Lok Leipzig im grossen Zentralstadion unter Flutlicht. Aue punktet beide Male. Doch als Vau beim Auswärtsspiel in Rostock eine Gelbsperre absitzen muß schlägt die Stunde von Erler der keine Nerven zeigt. Schieri Klaus Scheurell läßt beim Stand von 1-1 (71.) den verwandelten Elfmeter wiederholen, weil ein Auer Spieler zu zeitig in den Strafraum gelaufen war. Aber Erler bleibt eiskalt und verwandelt zum zweiten Mal in die gleiche Ecke gegen Hansa Torwart Dieter Schneider. Wismut punktet im Ostseestadion (2-2). Volker Schmidt, von fast allen nur Vau gerufen, patzte aber auch vom Punkt die Woche zuvor im Derby gegen den FCK (3-2 Heimsieg). Schon in der 7. Minute jagte er den Ball gegen Krahnke übers Tor. Seinen zweiten versemmelte er in der

Claus Boden (Stahl Riesa) hält beim Stand von 1-0 (29.) für Aue einen Elfmeter von Holger Erler.

Rückrunde in Cottbus. Aue verlor gegen Energie mit 2-3. Dann durfte mal Olaf Diestelmeier ran und scheiterte im April gegen René Müller von Lok Leipzig. Hatte aber keine Folgen, Aue gewann das Heimspiel mit 2-0. Holger Erler war aber auch noch da. Gegen Jochen Habekuß (Buna Schkopau) konnte er seine Fahrkarte vom Hinspiel im Rückspiel wieder gutmachen. Zum Rückspiel in Merseburg traf er vom Punkt zum 0-1 (28.). Endstand 0-2 für Aue. Dann war da aber noch ein zweiter Fehlschuß von Erler. Im Heimspiel gegen die Armeetruppe vom FCV aus Frankfurt/Oder (Dezember 1981) schießt er einen Strafstoß an den linken Pfosten. In der darauffolgenden Saison gibt es im Februar 1983 wieder das Duell Erler vs. Wienhold (FCV). Der Frankfurter kann sich noch an den Fehlschuss von 1981 erinnern, wählt die andere Ecke und hält den Ball, weil Erler auch das gleiche denkt und die Ecke wechselt.

Zum Ende seiner Karriere gab es dann drei Fehlschüsse. Gegen Claus Boden (Riesa) gehalten im August 1983 und im April 1984 gegen den Dresdner Bernd Jakubowski. Seinen 39. und letzten Elfmeter setzt er gegen Wolfgang Krahnke kurz nach der Halbzeit im Spiel Aue vs. FCK neben den Kasten. Es blieb beim torlosen Remis im Februar 1985. Nach und nach übernehmen andere Schützen die Verantwortung wie Wolfgang Körner, Steffen Krauß oder Uwe Bauer. Holger Erler im Veilchen-Echo Mai 2015 vs. Kaiserslautern

Angesprochen auf Aues aktuellen Elfmeterschützen vom Dienst, Dimitrij Nazarov (13 von 14 Versuche verwandelt), antwortet Erler: „Er hat eine ähnliche Art wie ich damals, hart und platziert. Ich habe mich mal mit ihm unterhalten. Die Schärfe ist das A und O. Und auf keinen Fall beim Anlauf die Ecke nochmal umpolen, also im letzten Moment die Ecke wechseln.“ (Burg)
Geschrieben von Burg am 21.03.2020, 00:59   (199x gelesen)