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Ein ganz heißes Spiel bei Schnee und Kälte

Aue im Dezember 1983. Fast neun Jahre war es her, daß Wismut Aue unter den letzten acht Mannschaften des nationalen Pokalwettbwerbs war. Während der BFC Dynamo Chemie Premnitz (5-1) und den HFC Chemie (5-2) ausschaltete, erreichte Wismut nach Siegen bei Chemie Böhlen (3-0) und zuhause gegen Motor Babelsberg (4-2) dieses Viertelfinale, das seit 1979/80 wieder im K.O.-System in allen Runden ausgetragen wurde. Davor gab es von 1972/73 bis 1978/79 ab dem Achtelfinale Hin- und Rückspiele. Wismut gelang zwar seit dem 19. März 1977 in Aue (1-0) in 14 aufeinanderfolgenden Punktspielen (12 Niederlagen, 2 Unentschieden) kein Doppelpunktgewinn mehr gegen den BFC, doch das 0-0 zum Saisonauftakt am 13. August im Berliner Jahn-Sportpark ist noch nicht vergessen.
Ihr zumeist frühzeitiges Ausscheiden im Pokalwettbewerb in den zurückliegenden Jahren war mit vorrangiger Orientierung auf das Bestehen im Abstiegskampf wohl kaum zu erklären oder gar zu entschuldigen. Letztmals in der Saison 1974/75 (gegen Rostock) im Viertelfinale stehend, das nach zwei Siegen mit 2-0 und 2-1 letztlich auch gemeistert wurde, hat sich im Sinnen und Trachten der Elf offensichtlich ein Wandel vollzogen. Pokalambitioniert wie zur frühen Anstoßzeit um 12.30 Uhr getreu dem festen Vorsatz, über sich hinauszuwachsen, sahen die Mannen um Kapitän Jürgen Escher seit langem nicht aus. „Wir stehen vor einer sehr schweren Aufgabe, die wir nur dann lösen können, wenn die Mannschaft über sich hinauswächst“, meinte Aues Trainer Hans-Ulrich Thomale im Vorwort des Stadionprogrammes. Wozu die Erzgebirgler in heimischer Atmosphäre in der laufenden Saison fähig sind, bekam nun auch der Meister zu spüren. Die Gefahr. wie alle fünf vorausgegangenen Punktspiel-Kontrahenten aus Aue mit einer Niederlage die Heimreise anzutreten, war riesengroß.

Hinweis für ABO-Karten Besitzer für das FDGB-Pokalduell gegen den BFC Dynamo im Auer Stadionprogramm gegen den HFC Chemie im November 1983. Quelle: Archiv Burg

Stimmungsvolle Szenen trieben sofort die Kälte aus den Gliedern. Tempo, hohe Einsatzbereitschaft Wismuts schlugen sich in einem schnörkellosen Angriffsstil nieder, der den Meister sofort in Bedrängnis brachte. 1-0 nach sieben Minuten, als Troppa den Schußversuch des plötzlich im Zentrum auftauchenden Escher zu unterbinden versuchte, Rudwaleit im Rückwärtsflug den in der Richtung veränderten Ball nur noch mit den Fingerspitzen berühren konnte. Gute, lobenswerte Vorsätze prägten Wismuts Aktionen in den ersten 45 Minuten: Bewegliches Offensivspiel, geformt vor allem von Erler aus ständig wechselnden Positionen sowie förmlich getrieben von Escher und Bauer als wichtigen Fixpunkten im taktischen

Hans Schykowski und Torwart Jörg „Flocke” Weißflog können Frank Rohdes Treffer zum 3-4 Endstand nicht verhindern, ganz rechts Rüdiger Netz vom BFC. Foto: Frank Kruczynski

Konzept. Mothes, der in Einsatz und in der Laufbereitschaft gegen das erfahrende BFC-Stoppertandem Rohde/Troppa niemals zurückschreckte, trug gleichermaßen dazu bei, daß Wismut ein Bild mannschaftlicher Geschlossenheit mit einer zunächst auch störungsfrei operierenden Deckung bot. Fleiß mündete in Entschlossenheit, das Spiel immer wieder nach vorn zu verlagern, auch bei dem im Mittelfeld gegen Backs aufgebotenen Kraft. Doppelpaßspiel wie vor dem 2-1 zwischen Erler und Escher innerhalb einer dichtgestaffelten Berliner-Abwehr verriet technisch anspruchsvolles Format. „Ohne zunächst das Risiko einzugehen, von den zusehends kombinationssicheren wirkenden Berlinern ausgespielt, überlaufen zu werden, trieben wir das Spiel immer wieder energisch in die Spitze", so Wismut-Trainer Thomale. Ein Spiel also ganz nach den Herzen jener, die unter den Begriff „Pokal“ mehr als nur Verbissenheit, Kampf, Einsatzbereitschaft bis zum Letzten verstehen. Für BFC-Torwart Rudwaleit war es beim sehenswerten und platzierten Flachschuß von Erler zum 2-1 wie beim drei Minuten darauf folgenden Kopfball von Mothes zum 3-1 schwer und letztlich aussichtslos auf dem glatten Boden die entsprechende Absprungkraft zu finden.
Was BFC-Trainer Jürgen Bogs seinen Schützlingen in der Pause einschärfen mußte, lag auf der Hand: energischer in der Zweikampfführung als bisher, dazu aber auch entschlossener im Spielaufbau aus dem Mittelfeld heraus. Keinesfalls einplanen konnte er dabei allerdings die Hilfestellung des Gegners in Form eines katastrophalen Abwehrfehlers von Routinier Hans Schykowski, den Schulz nach präziser Flanke des durchgelaufenen Ernst mit dem Anschlußtreffer bestrafte. Keine Frage, die Partie hatte damit ihren neuralgischen Punkt erreicht. Während die Berliner nun immer selbstbewußter zur Sache gingen, sich dabei neben Ernst, dem quicklebendigen Netz und Backs auch der junge Thom in der spielgestaltenden Rolle bestätigte, verlor Aue danach zusehends an Sicherheit, und Lockerheit schätzte Beobachter und DFV-Trainer Harald Irmscher ein. Der Bruch im Wismut-Spiel war offenkundig. Auf nur noch sporadische Angriffsentwicklung (Mothes) reagierte der Meister kalt, überlegt, in der sinnvollen Bewegung und Raumaufteilung standesgemäß. Das erneute Nervenflattern Schykowski, der im eigenen Torraum über den Ball schlug, ebnete Rohde nach vorausgegangenem Ausgleich durch Ernst schließlich unbedrängt den Weg zum Erfolg. 3-4 nach der einzigen Offensivaktion des Berliner Stoppers überhaupt“, wie Aues Assistenztrainer Schaller resigniert feststellte. Unbarmherzig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, brauchten die Veilchen Zeit und Muße, um sich mit ihrem höchst unglücklichen Ausscheiden abzufinden.
Trotz der Niederlage sprach Trainer vom besten Spiel des Jahres", und das Recht dazu muß ihm zugestanden werden. Allerdings auch dieser einschränkende Satz, den er in der Enttäuschung über das 3-4 sofort in die Wertung einbezog: „Grobe individuelle Fehler, wie sie den Toren 2 und 4 vorausgingen, dürfen einer gestandenen Mannschaft nicht unterlaufen." Das eben trennt Wismut noch von der Spitze und auch vom glücklichen Gewinner des Pokal-Duells. (Burg)

Wismut Aue: Weißflog – H. Schykowski - Teubner (72. Kunde), V. Schmidt, Konik - Kraft, Erler, Bauer - Bittner (40. St. Krauß), Mothes, Escher

Schiedsrichter: Widukind Herrmann (Leipzig)

Zuschauer: 16.000 im Otto-Grotewohl-Stadion

Tore: 1-0 Escher ( 7.), 1-1 Ernst (23.), 2-1 Erler, (38.), 3-1 Mothes (41.), 3-2 Schulz (54.), 3-3 Ernst (59.), 3-4 Rohde (78.)

Reservebank Aue: Ebert – W. Körner

Anmerkungen: Torschüsse: 13:13, verschuldete Freistöße: 24:23, Eckbälle 6:7

Geschrieben von Burg am 02.12.2020, 21:18   (628x gelesen)