Saisonstatistiken des FC Erzgebirge Aue

Regionalliga Nordost 1995/96

Spielbericht

19. Spieltag - Samstag, 30.03.1996 - 14:00

FC Erzgebirge Aue - Dynamo Dresden 1:2 (1:1)

FC Erzgebirge Aue: Frank Baumann - Ronny Thielemann, Sven Köhler, Moudachirou Amadou - Udo Fankhänel, René Krasselt (69. Jan Schmidt), Borislav Tomoski (84. Jörg Palke), Boris Lucic - Jens Haustein, Danilo Kunze, Henry Berg; Trainer: Ralf Minge

Dynamo Dresden: Thomas Köhler - Lutz Braun, Thomas Hoßmang, Daniel Küttner - Ronny Ernst (79. Christian Fröhlich), Dariusz Pasieka, Ringo Herrig, Michael Hecht, Antoni Jelen - Peter Heidler, Jörg Schmidt; Trainer: Hans-Jürgen Kreische

Tore: 1:0 Henry Berg (12.); 1:1 Jörg Schmidt (29.); 1:2 Antoni Jelen (64.)

Schiedsrichter: Peter Augar (Berlin)

Zuschauer: 4300

Gelbe Karte: Udo Fankhänel, Danilo Kunze, Henry Berg / Lutz Braun, Peter Heidler

Gelb/Rote Karte: - / Ringo Herrig (45.), Antoni Jelen (66.)

Auer Herrlichkeit nach dem Pausentee dahin

Aues Altinternationaler und Idol der 50er Jahre Willy Tröger hatte den Ostschlager in der Fußball-Regionalliga, FC Erzgebirge Aue gegen Dynamo Dresden, 3:1 für seine Veilchen getippt. "Einen Sieg traue ich der Mannschaft zu. Heute kann sie beweisen, was sie wirklich kann." Bis zum Pausentee lag Tröger vollkommen richtig. Die Gastgeber zeigten sich gegenüber den letzten Spielen deutlich verbessert. Aggressiv, bissig und zweikampfstark wurde um jeden Ball und um jeden Zentimeter Schneeboden gekämpft.

Zweikampf zwischen Aues Danilo Kunze (r.) und Ronny Ernst. Foto: Frank Kruczynski

Ehe sich der Bundesliga-Absteiger richtig formieren konnte, hatte Aue schon ein "Feuerwerk" abgebrannt. Das schnelle Führungstor, Henry Berg nutzte einen Abpraller nach Fankhänel-Flanke zum 1:0 (12.), gab den Veilchen zusätzliche Sicherheit. Auch der glückliche Ausgleichstreffer von Jörg Schmidt, der Stürmer traf mit seinem Freistoß aus 25 Metern ins lange Eck (29.), brachte die Gastgeber nicht von ihrer Linie ab. Danilo Kunze (41.) und Sven Köhler (42.) hatten den erneuten Führungstreffer auf den Füßen. Als Schiedsrichter Augar kurz vor dem Seitenwechsel Dresdens Verteidiger Ringo Herrig nach Gelb-Rot zum vorzeitigen Duschen schickte, glaubte noch jeder im Stadionrund an eine Fortsetzung der guten Leistung nach dem Pausenpfiff.

Genau das Gegenteil trat ein. Der FC Erzgebirge blieb zwar die optisch überlegene Mannschaft, zwingende Spielzüge blieben jedoch Fehlanzeige. Zu sehr verfiel die Truppe erneut im Kleinklein-Spiel. Übertriebene Einzelaktionen standen im Vordergrund. Mannschaftskapitän Udo Fankhänel zeigte sich nach Spielschluß stocksauer. "Hinten ist fast jeder Schuß ein Treffer und vorn kriegen wir nichts rein." Die Gäste aus der Landeshauptstadt witterten ihre Chance und nutzten sie eiskalt. Antoni Jelen schloß einen schönen Konter freistehend am langen Pfosten zum 2:1-Siegtreffer ab (64.).

Selbst als Jelen zwei Minuten später das Spielfeld ebenfalls vorzeitig verlassen mußte, gelang es dem Gastgeber nicht, sich entscheidend in Szene zu setzen. Bis auf einen 20-Meter-Schuß von Fankhänel (82.) und einen Fallrückzieher von Schmidt (89.) passierte nichts Notierenswertes. Coach Ralf Minge legte nach dem Abpfiff den Finger auf die Wunde. "In der 1. Halbzeit konnten wir die Nervosität der letzten Wochen ablegen, was danach kam, war anfängerhaft." Daß er den Dresdnern Schützenhilfe in den Spielen gegen Union und TB Berlin, getreu dem Motto "Sachsen helfen Sachsen" versprach, nahm dem ehemaligen Dynamo-Torjäger darüber hinaus keiner übel.

Während der Trainer noch über bevorstehende Aufgaben sinnierte, war für Uwe Leonhardt "die Serie gelaufen, die Arbeitsplätze für das nächste Spieljahr werden jetzt vergeben. Dazu werden die Karten neu gemischt", meinte der Auer Präsident nach der Partie, bei der auch die Polizei einiges zu tun bekam. Bereits vor dem Spiel wurden 36 Randalierer festgenommen. Lothar Bösecke, Freie Presse, 01.04.1996

Keine Sonne für die Veilchen

Das Spitzenspiel der Veilchen gegen Dynamo Dresden am Sonnabend brachte erneut die Erkenntnis, daß die Minge-Elf bei wichtigen Spielen nicht über ihren Schatten springen kann und wiederholt vor Heimpublikum enttäuschte. Dabei begann Aue sehr couragiert und zeigte den 4300 Zuschauern, darunter auch über 1000 Dresdner Anhänger, daß Siegeswille vorhanden war. Völlig verdient fiel bereits nach zwölf Minuten die Auer Führung. Eine Fankhänel-Flanke, von der Linksaußenposition nach innen geschlagen, konnte Dresdens Torhüter Köhler nicht unter Kontrolle bringen. Den abprallenden Ball brauchte Berg nur noch über die Linie zu drücken. Weiterhin waren die Erzgebirger spiel bestimmend.

In der 29. Minute erhielt Dresden die erste Chance - resultierend aus einem Freistoß. Kunze hatte Jelen etwa zehn Meter vor dem Auer Strafraum gefoult. Gästestürmer Jörg Schmidt entpuppte sich als Freistoßspezialist, denn gegen seinen fulminanten Schuß ins rechte Dreiangel hatte Aues Keeper Frank Baumann keine Abwehrchance. Doch der schmeichelhafte Ausgleich für Dresden blieb vorerst ohne negative Auswirkungen auf das Gastgeberspiel. Aue griff weiterhin beherzt an. Vor allem über die linke Außenseite setzten sich immer wieder Berg und der sehr agile Fankhänel durch. Dessen gefährliche Flankenbälle sorgten mehrmals für Gefahr im Dresdner Strafraum. So auch in der 41. Minute, als die Gästeabwehr überflankt wurde, doch Kunze den Ball am linken Pfosten um Zentimeter verfehlte. Eine Minute später hatte Köhler die Riesenchance zur Führung. Nach einem Lucic-Freistoß schoß er nur einen Dresdner Verteidiger an. Die Gäste konnten den Angriffsbemühungen der Auer Mannschaft vorerst nur mit vielen Fouls begegnen. So mußte kurz vor dem Pausenpfiff der bereits verwarnte Manndecker Ringo Herrig mit einer gelb/roten Karte vorzeitig zum Duschen.

Zu Beginn der zweiten Spielhälfte gab es gute Chancen für die Platzbesitzer. Erst zischte ein 20-Meter-Schuß von Haustein knapp am Gästetor vorbei, und wenig später verfehlte ein Kunze-Kopfball nur hauchdünn das Dresdner Gehäuse. Auch einen Lucic-Schuß aus Nahdistanz konnte der Dresdner Torhüter unter Kontrolle bringen. Mitten in die ungestüme Auer Offensive platzte in der 64. Minute ein Konter von Dresden. Trotz Überzahl der Veilchen herrschte totale Unordnung in der Gastgeberabwehr. Dresdens Mittelfeldakteur Ernst flankte von der verlängerten Torlinie nach innen, wo der völlig freistehende Jelen aus etwa zehn Meter Entfernung das Leder ins untere linke Eck schmetterte.

Antoni Jelen im Duell mit Aues Jens Haustein. Foto: Frank Kruczynski

Jetzt ging der Auer Spielfaden total verloren. Selbst eine erneut Entscheidung des sicher agierenden Referees Augar, der in der 66. Minute eine gelb/rote Karte gegen Dresdens Jelen verhängte, konnten die Veilchen nicht nutzen. Die Dynamos zogen ein munteres Konterspiel auf. Bereits in der 72. Minute bot sich eine weitere Chance für die Gäste, doch Heidler traf das Leder zu ungenau. In der 81. Minute entschärfte Baumann einen gefährlichen Freistoß von Jörg Schmidt. Auer Chancen blieben Mangelware. Zu ungeordnet war das Angriffsspiel. Viele Einzelaktionen erstickte die Gästeabwehr im guten Stellungsspiel. Zudem waren konditionelle Nachteile der Auer unübersehbar. Die Gäste landeten damit einen verdienten Auswärtssieg. Jürgen Ullmann, Freie Presse - Lokalsport, 01.04.1996

Spielerische Krise

Aus meiner Sicht, von Jürgen Ullmann

FCE-Präsident Uwe Leonhardt fand nach dem Fußball-Spitzenspiel Aue gegen Dresden treffende Worte: "Wir ringen seit längeren um unser sportliches Format. Es gibt nichts schönzureden: Wir haben eine handfeste spielerische Krise!". Auch Trainer Ralf Minge ist momentan ratlos: "Wir haben versucht, in der ersten Halbzeit noch unser Gesicht zu wahren. Im anschließenden Überzahlspiel wirkten wir dann allerdings anfängerhaft. Die Veilchen setzten damit praktisch das enttäuschende Zehlendorf-Spiel fort."

Jeder der zahlreichen Zuschauer konnte sich von der Richtigkeit dieser Einschätzung überzeugen. Dennoch läßt sich das FCE-Präsidium nicht beirren und betonte, daß am Gesamtziel - Aufstieg in den bezahlten Fußball - keine Abstriche gemacht werden. Freilich, für diese Saison ist diese Perspektive passé. Dennoch sollte man nicht, ähnlich wie im Vorjahr, einen weiteren Hänger folgen lassen. Es gilt jetzt, nach vorn zu schauen, die Saison mit Anstand und Würde zu Ende zu spielen.

Dies jedenfalls versprach Trainer Ralf Minge allen Anwesenden auf der Pressekonferenz. Dabei werden ihn die Anhänger des runden Leders in Aue und Umgebung in die Pflicht nehmen. Die Veilchen haben bereits am Donnerstagabend gegen Nordhausen und dann am Ostermontag bei Union Berlin Gelegenheit, ihrem treuen Angang endlich wieder ein Erfolgserlebnis zu bescheren. Eine erneute Niederlage gegen Nordhausen würde mehr als ein faules Ei im Osternest bedeuten. Gegen die zwei Berliner Spitzenmannschaften, Union Berlin und TeBe Berlin, besteht die Möglichkeit wiedergutzumachen. Zumindest am Willen sollte es das Auer Fußballteam nicht fehlen lassen, denn sonst versinkt man in die Bedeutungslosigkeit. Jürgen Ullmann, Freie Presse - Lokalsport, 01.04.1996