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Aue Historisch | Warum „Hans” nicht nach Aue kam - Stürmer Leitzke musste das Wismut-Dress 1985 wieder ausziehen

Hans-Jörg Leitzke 1985 im im Triokt der BSG Wismut Aue. Foto. W. Wagner/Aue
Vor 30 Jahren, im Juli 1985, passierte Geheimnisvolles im Auer Lößnitztal. Die BSG Chemie Leipzig war als Vorletzter aus der DDR-Oberliga abgestiegen. Ihr Stoßstürmer Hans-Jörg Leitzke, damals 25 Jahre alt, der bei allen 26 Punktspielen der Grün-Weißen auf dem Platz gestanden und dabei sechs Tore erzielt hatte, wollte aber unbedingt in der Oberliga bleiben. Auch bei Aues 4:3-Heimsieg im April 1985 hatte er einen Treffer für die Leutzscher beigesteuert. Achim Jungnickel, Sektionsleiter bei den Chemikern, versuchte Leitzke mit einem neuen Trabant und mehr Geld zum Bleiben im Georg-Schwarz-Sportpark zu überreden. Alles vergeblich damals. Denn Leitzke, der alle Jugendmannschaften von Chemie durchlaufen und es 1983 in den Oberligakader der Leipziger geschafft hatte, wollte unbedingt erstklassig bleiben. Die Anfrage aus Aue kam ihm deshalb sicherlich recht.

Wer wüsste besser Bescheid über den am Ende geplatzten Transfer des schnellen Stürmers ins Erzgebirge, als Bernd Zimmermann? „Zimbo”, seit 1969 beim Auer Verein und bis heute Mannschaftsbetreuer der Veilchen, war seinerzeit nicht ganz unwesentlich beteiligt am Versuch, Leitzke zu verpflichten. „Die Sache war zu 90 Prozent klar. Doch am Ende setzte sich Lok Leipzig durch.

Der Klub aus der Messestadt war international ambitioniert und besaß einflussreiche Freunde unter den DDR-Sportfunktionären”, weiß der 62-Jährige heute. „Zimbo” hatte in den 1980er Jahren schon Leistungsträger wie Klaus Bittner, Roland Balck, Rainer Pietsch oder Uwe Bauer zum Oberligakollektiv ins Lößnitztal gelotst. Mit Hans-Jörg Leitzke war er gut bekannt und als auch Cheftrainer Hans-Ulrich Thomale meinte, der bullige, torgefährliche Kämpfer von Chemie Leipzig wäre die passende Verstärkung für die inzwischen auch wieder den Uefa- und Intertoto-Cup aufmischenden Erzgebirger, ginger in die Spur. „Der Hans war ein feiner Kerl. Auf dem Platz scheute er sich nie, war dabei immer fair und ein guter Fußballer”, sagt Bernd über den Wunschkandidaten von Uli Thomale. „Seine damalige Frau stammte aus dem Vogtland und von BSG zu BSG, das sollte doch passen”, war der Wismut-Spielerbetreuer und -beobachter im Frühjahr ’85 überzeugt. „Zimbo” weiß noch, wie er durchs Mega-Neubauviertel Leipzig-Grünau irrte auf der Suche nach Leitzkes Wohnung. Hans wollte von Herzen nach Aue, zu den Verhandlungen mit den Wismut-Gremien wohnte er inkognito bei den Nachbarn der Zimmermanns in Affalter. Nichts sollte ruchbar werden, ehe die Tinte unterm Vertrag trocken ist. Aus gutem Grund, denn inzwischen war Trainer Thomales Wechsel zu Lokomotive perfekt. Für den verdienten Coach war der Weg zum DDR Spitzenklub folgerichtig; ein Schritt nach oben, den ihm dankbare Aue-Fans gönnten. Doch Uli machte kein Hehl daraus, dass er sich den Noch-Chemiker nun bei den Probstheidaern wünschte. „Wo ist der Leitzke?” fragte er immer wieder, „Zimbo” gab sich jedes Mal ahnungslos, zuckte die Schultern. „Hans” aber durfte nicht zu Wismut, es wäre das Ende seiner Laufbahn als Fußballer gewesen. „Ich muss zu Lok, sonst kann ich aufhören”, meinte er eines Morgens zu Bernd Zimmermann. „Entweder du spielst jetzt für Lok oder bei Schwermaschinenbau Leipzig”, also einer unterklassigen Betriebsmannschaft, soll ihm Peter Gießner, damals Chef beim 1. FC Lokomotive, gedroht haben. „Zimbo” verstand und wünschte seinem Fußballfreund trotz der Enttäuschung viel Erfolg.

Das nichtoffizielle Teamfoto von 1985 mit dem ursprünglichen Kader, jeweils von links – obere Reihe: Uwe Herold, Carsten Rost, Holger Erler, Rainer Pietsch, Hans-Jörg Leitzke, Thomas Wagner (Sohn von Fotograf Walter Wagner), Erhard Süß, Wilfried Reypka; Mitte: Trainer Harald Fischer, Sektionsleiter Richard Velek, Uwe Bauer, Ralf Kraft, Bernhard Konik, Uwe Naumann, Steffen Lorenz, Matthias Jacob, Rainer Kunde, Masseur Lothar Dix, Co-Trainer Konrad Schaller; vorn: Jürgen Escher, Steffen Krauß, Jörg Weißflog, Harald Mothes, Bernd Stettinius, Volker Schmidt und Heiko Münch. Foto: W. Wagner/Aue
Den hatte Leitzke dann auch mit dem 1. FC Lokomotive Leipzig. Vier Oberliga-Serien, 1985 bis 1989, spielte er für die Blau-Gelben, stand 1986 und 1987 in beiden siegreichen FDGB-Pokalendspielen und traf in 19 Europapokalpartien dreimal: gegen den FC Coleraine aus Nordirland, den AC Mailand und Rapid Wien. Sein größtes Spiel stieg 1987 in Athen, es war das Europapokalfinale der Pokalsieger 1. FC Lok gegen Ajax Amsterdam. Endstand 1:0 für die Holländer.1989 kehrte er als Spieler zurück in seine sportliche Heimat, zu den Grün-Weißen in Leipzig-Leutzsch. Dort arbeitete er später auch für den FC Sachsen, unter anderem als Chef- und Co-Trainer.

Hans-Jörg Leitzke trainiert aktuell die A-Junioren des FSV Großpösna in der Leipziger Stadtklasse.„Das sind anständige Jungs, zuverlässig, pflegeleicht und diszipliniert. Ich trainiere sie gemeinsam und gleichberechtigt mit Torsten Jabs. Es macht Spaß, auch weil wir keinen Druck haben”,erzählt der heute 54-jährige am Telefon. An die Erlebnisse bei Chemie, Wismut und Lok erinnert er sich immer noch gern: „Die Zeit damals war Wahnsinn.”

Übrigens blieben „Zimbo” und Hans-Jörg noch etliche Jahre im Kontakt. Der Auer freute sich auch, wenn Leitzke für die Lok traf. Was konnte der „Hans” denn dafür, für diese Zeiten damals?Was bleibt, ist die Erinnerung an eine interessante Episode des Auer Fußballs und ein Mannschaftsfoto des Oberligakaders der Saison 1985/86 mit dem großgewachsenen Hans-Jörg Leitzke in der Reihe oben. Leider ist dieses Bild nicht das offizielle geworden. (Burg/OS)

Auer Fußball Historisch zum nachlesen
1992 - letztes Heimspiel von FC Wismut Aue

1999 - Entlassung von Trainer Lieberam

1998 - Sieg über den Erzrivalen

März 1984 - Wismut Aue + 1860 München

November 1973 - Wismut Aue
Geschrieben von Burg am 12.05.2015, 13:13   (3352x gelesen)